VERGESSENE RISIKEN - INTERVIEW MIT MARKUS MILLER
Ich persönlich empfinde neben den Gesprächen mit meinen Lesern, Kunden, Partnern und Beratern vor allem Diskussionen mit jungen Studenten immer als sehr wertvoll. Bei meinen Zusammentreffen mit Hochschulstudenten ist mir aktuell wieder aufgefallen, dass diese über ein enormes mathematisches wie ökonomisches Wissen verfügen. Finanzmarktmodelle und Kapitalmarkttheorien Top – Praxisbezug Flop! Finanzmarktmodelle und Kapitalmarkttheorien werden aus meiner Wahrnehmung an den deutschen Hochschulen bestens vermittelt. Aber das allein reicht nicht. Ökonomie, Kapitalanlage- und Vermögensmanagement unter Laborbedingungen gibt es nicht. Hier habe ich massive Defizite festgestellt bei meinen Gesprächen mit den rein theoretisch ausgebildeten Studenten. Ich habe zahlreiche Studenten beispielsweise gefragt, wo sie denn Ihr Praxissemester oder Praktikas im Rahmen ihres Studiums machen. Alle Studenten mit welchen ich mich unterhalten habe, hatten ihre ersten Praxiserfahrungen in den rein mathematischen Finanzlabors von Banken, Versicherungen oder großen Industriekonzernen erworben. Einen realen Kunden oder gar ein Beratungsgespräch hat kein einziger Student gesehen. Die Finanzökonomie ist zu einer Laborwissenschaft mutiert Risikocontrolling, Bilanzstrukturmanagement, Eigenhandel, institutionelles Asset Management, Research und Analyse sowie vor allem die Entwicklung von Finanzprodukten und Anlagestrategien sind die „praktischen“ Haupteinsatzfelder der Studenten. Die Gefahr ist dadurch sehr groß, dass diese zukünftigen Eliten somit nicht einmal in ihrer Ausbildung eine Wahrnehmung für die so wichtigen Bedürfnisse eines Kunden und Kapitalanlegers bekommen. Auch das ist bereits ein Systemrisiko für die Zukunft. Ebenso wie die derzeit vollkommen vernachlässigten geopolitischen Risiken! In der aktuellen Mitgliederzeitschrift des Bundesverbands der Börsenvereine an deutschen Hochschulen (BVH e.V.) habe ich ein ausführliches Interview gegeben zu meinen grundlegenden Einschätzungen der aktuellen Situation. Dieses finden Sie im Wortlaut nachfolgend zu Ihrer Information: Interview mit Markus Miller Markus Miller ist ausgebildeter Bankkaufmann und hat an der Universität Freiburg Vermögensmanagement studiert. Er war für verschiedene renommierte Privatbanken unter anderem in den Bereichen Treasury, Wertpapierhandel, Bilanzstrukturmanagement, Private Banking, Internationales Vermögensmanagement, Business Development und Discount Brokerage tätig. Neben dem Bankplatz Deutschland hat der diplomierte Vermögensmanager Erfahrungen bei international tätigen Banken und Beratungsfirmen in Österreich, Liechtenstein sowie der Schweiz gesammelt. Markus Miller ist Gründer und Geschäftsführer des spanischen Medienunternehmens ► GEOPOLITICAL BIZ S.L.U. sowie Chefredakteur des renommierten Anleger- und Wirtschaftsmagazins „► Kapitalschutz vertraulich“. Herr Miller, wie schätzen Sie derzeit die politische und wirtschaftliche Stabilität in Europa ein? Markus Miller: Meiner Meinung nach wird in dieser Frage Europa zu undifferenziert betrachtet. Nordeuropa, allen voran die Skandinavischen Länder Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland beurteile ich sowohl politisch wie wirtschaftlich als absolut stabil. Auch die Gefahren gesellschaftlicher und sozialer Konflikte sind hier nach meiner Auffassung nicht besonders ausgeprägt. In Kerneuropa sind für mich darüber hinaus auch Länder wie Liechtenstein oder die Schweiz als relativ stabil in diesem Zusammenhang zu beurteilen. Innerhalb der Europäischen Union und der Euro-Gemeinschaft ist die Lage in den Peripherieländern Griechenland, Portugal, Spanien, Italien und Zypern dagegen höchst bedenklich. Die höchsten Gefahren gehen für mich derzeit von Spaniens absolut marodem Bau- und Bankensektor aus. Welche Chancen bieten sich an den Kapitalmärkten? Markus Miller: Die größte Chance an den Kapitalmärkten ist für mich derzeit, sich so zu positionieren, dass man sein Kapital nach Inflation, Steuern und Gebühren erhalten kann. Ebenso muss sich ein Anleger darauf vorbereiten, einen möglichen Aufschwung nicht zu verpassen, bei gleichzeitiger Absicherung vor einem totalen Worst-Case-Szenario wie einem Zusammenbruch unseres derzeitigen Geld- und Bankensystems. Der Schlüssel zum Erfolg liegt dabei nicht in der Suche nach der optimalen Assetklasse, sondern in der gezielten Diversifikation und Kombination von Assetklassen mit unterschiedlichen Investment-Strategien. Von Realwert-Strategien über physische Edelmetalle bis hin zu prognosefreien Trendfolgestrategien über Managed Futures. Was sind die größten Risiken? Markus Miller: Die größten Risiken – neben den offensichtlichen Gefahren der Schuldenkrise mit Auswirkungen auf unser Banken- und Währungssystem – sehe ich nicht an den Kapitalmärkten, sondern in der Geopolitik. Der Iran, Israel und Nordkorea sind für mich absolut unberechenbare Damoklesschwerter für unsere Welt. Auch Naturkatastrophen oder gravierende Terroranschläge sind mittlerweile nach meiner Wahrnehmung vollkommen aus dem Risikoblickfeld der Bevölkerung verschwunden, weil diese von den Wirtschaftsrisiken überlagert werden. Wie ist es um die Zukunft unserer Geldwertstabilität bestellt? Markus Miller: Es wird keine Geldwertstabilität von Fiat Money (Papiergeld) in Zukunft geben. Wenn wir Glück haben und es zu keinem kompletten Systemcrash kommt, dann wird es eine kalte Enteignung durch eine steigende Inflation oder eine finanzielle Repression mit niedrigen Zinsen und harten Regulierungsvorschriften geben. Für Kapitalinhaber bedeutet dies das gesamte Segment der staatlichen Eingriffe von weichen Umverteilungen bis hin zu harten Enteignungen. Vor allem bei Edelmetallen gehen die Meinungen weit auseinander. Während einige Gold und Silber als essentielle Portfoliobestandteile sehen, sprechen andere von einer Preisblase und der langfristig deutlich unterdurchschnittlichen Kursentwicklung von Gold und Silber. Wie ist Ihre Einschätzung? Markus Miller: Ich sehe überhaupt keine Preisblase bei den Edelmetallen. Sachwerte wie Aktien können unbegrenzt emittiert werden. Immobilien können ebenso relativ unbegrenzt gebaut werden. Geld kann absolut unbegrenzt gedruckt oder in rein virtueller Form geschöpft werden. Ganz grundsätzlich können alle langlebigen Wirtschaftsgüter in einer theoretisch unbegrenzten Stückzahl produziert werden. Edlemetalle oder aber auch Strategische Metalle sind auf unserem Planeten nur in einem stark begrenzten Volumen vorhanden. Sie können auch nicht künstlich geschaffen werden. Für mich sind diese Werte daher in einer Welt des unbegrenzten Wachstums an Geldmengen eine Versicherung für den Werterhalt und die Wertaufbewahrung von Vermögenswerten. Gold betrachte ich dabei in meiner Einschätzung inflationsbereinigt. Hier liegen die historischen Höchstkurse bei rund 2.400 US-Dollar. Legt man das exorbitante Geldmengenwachstum zugrunde, dann müsste der Goldpreis derzeit bei rund 7.000 US-Dollar liegen. Rein rational kann man somit bei den aktuellen Goldpreisen in keinster Weise von einer Blase sprechen. Können Sie uns verraten, mit welchen Anteilen Sie momentan in welche Assetklassen investieren? Markus Miller: Ich investiere nicht in Assetklassen, sondern in Anlagestrategien. 27% sind derzeit dabei Trendfolge-Strategien. 31% sind marktneutrale Anlagestrategien. 12% sind sogenannte asymmetrische Anlagestrategien, welche von der Seitwärtsentwicklung eines Marktes profitieren. Auf den DAX bezogen bedeutet dies, dass ich hier einen Seitwärtskorridor gewählt habe, der zwischen 4.550 und 9.000 Punkten liegt. Die restlichen 30% liegen überwiegend linear in den Aktien- und Rohstoffmärkten. Sehr hoch gewichtet sind dabei die Edelmetalle, wie auch die Strategischen Metalle. Mit 6% bin ich in diesem Segment aber auch Short in Europäischen Staatsanleihen. Welche Länder bieten derzeit stabile politische und wirtschaftliche Verhältnisse bei zugleich moderaten Steuern für Privatpersonen bzw. Unternehmen? Ist Auswandern eine echte Alternative? Markus Miller: Auswandern ist immer eine Alternative. Nehmen Sie meine Wahlheimat Spanien mit 40% Jugendarbeitslosigkeit. Hier sind Sie als junger Mensch fast gezwungen, auszuwandern. Mein Standort Nr. 1 in Europa, außerhalb der EU aber innerhalb des EWR ist ganz klar das Fürstentum Liechtenstein. Dieses Land hat sich aus meiner Sicht hervorragend aufgestellt in der Finanzwirtschaft für die enormen Aufgaben und Herausforderungen der Zukunft. Vor allem die Versicherungswirtschaft beurteile ich hier als zukunftsweisend. Was können Sie den Studenten von heute mit auf den Weg geben, die eine Karriere in der Finanzindustrie anstreben? Markus Miller: Ich habe großen Respekt vor dem Wissen, das heute an den Universitäten und Hochschulen vermittelt wird. Ich kann jedem Studenten bei allem Fachwissen was er vermittelt bekommt nur raten, sich auch mit Menschen, den Endkunden zu befassen. Ich rate dazu Praktikas nicht rein in den Finanzlabors der Banken zu machen, sondern in den Kundenberatungseinheiten direkt am Markt. Das hat mir ganz wichtige Erfahrungen gebracht, welche ich an keiner Universität je lernen hätte können. P.S.: Den Totenkopf des obigen Bildes (aus Sand) habe ich übrigens selbst am wunderschönen Paguera Beach auf Mallorca festgehalten. Selbst hier direkt am Meeresstrand begegnet einem ein Krisen-Symbol, was allerdings für Spanien als europäischem Hauptkrisenherd durchaus auch sehr passend ist. Weiterführende Informationen zum Management von globalen, strategischen wie systemischen Risiken finden Sie in meinen Publikationen ► "Geheimtipp Alpenfestung" und ► "Die Miller-Strategie" als PDF zum herunterladen. |