Zahlreiche unabhängige Studien belegen seit vielen Jahren eindrucksvoll, dass nur eine Minderheit von Vermögensmanagern in der Lage ist, über einen Mehrjahreszeitraum eine Überrendite gegenüber dem Markt zu erzielen. Trotz aufwendiger, meist sehr intensiver Analysen und Recherchen. Eine Ursache sind die damit verbundenen, meist sehr hohen Kosten und Gebühren. Der Hauptgrund ist jedoch vor allem – das langfristig immer wiederkehrende - menschliche Versagen aufgrund individueller Fehleinschätzungen und emotionaler Prognoseabhängigkeiten.
Die Universität Linz hat unlängst 332 sehr vermögende, deutsche Kapitalanleger befragt mit dem Ergebnis: Zwei von drei der reichen Deutschen (67%) sind Selbstentscheider, obwohl diese Personengruppe sich eigentlich die besten Strategen, Vermögensverwalter und Banken leisten könnte. Das bedeutet: Das Vertrauen in sich selbst ist weit höher als das Vertrauen in Banken und Berater. Dennoch sollten gerade diese Anlegergruppen sich selbst und ihre Entscheidungen fortlaufend hinterfragen und strategisch und regelbasiert (frei von Bauchentscheidungen) aufbauen. Vergessen Sie alle Prognosen: Am wahrscheinlichsten ist der nächste schwarze Schwan! Ich lese Jahr für Jahr eine Vielzahl an volkswirtschaftlichen Analysen, Börsenausblicke und Wirtschaftsprognosen von Wirtschaftsforschungsinstituten, Banken, renommierten Vermögensverwaltern bis hin zu unabhängigen Experten und Börsenbriefen. Es gibt – immer und in jeder Situation – genügend nachvollziehbare Gründe, warum die Weltwirtschaft sich erholen wird, warum die Weltkonjunktur langfristig stagnieren wird, und ebenso viele Argumente, warum wir vor einem Systemkollaps stehen. Viele meiner Kollegen verfassen vor allem immer zu Jahresbeginn ihre Prognosen für das kommende Jahr, stellen meist drei bis vier unterschiedliche Szenarien vor, vom Boom über Stagnation bis Crash, und unterlegen diese mit Wahrscheinlichkeitsprognosen. Am Ende eines Jahres lässt sich dann immer alles so drehen, dass man zumindest mit Teilaussagen recht gehabt hat – und man kann einzelne Textpassagen wieder hervorholen, um sich selbst und seine Prognosen zu zelebrieren. All diese Prognosen sind meist sehr bald schon das Papier nicht mehr wert, auf dem sie gedruckt wurden. Nämlich dann, wenn wieder einmal ein schwarzer Schwan auftaucht. Sie fragen sich jetzt vielleicht: Was ist denn bitte ein schwarzer Schwan? Machen Sie sich bewusst, dass es schwarze Schwäne gibt – dann vertrauen Sie keinem Experten mehr blind! Vor der Entdeckung Australiens waren die Menschen in Europa überzeugt, dass alle Schwäne weiß seien. Diese Überzeugung war unanfechtbar, da eben über Jahrhunderte diese Meinung nie widerlegt worden war. Als nun aber der erste schwarzer Schwan gesichtet wurde, war das bisherige Gedankengut zum Thema „alle Schwäne sind weiß“ schwer erschüttert. Diese Theorie beschreibt Nassim N. Taleb, Gründer und Inhaber der Trading-Firma Empirica Capital LLC in seinem ► Buch „Der Schwarze Schwan“, welches ich mit Begeisterung gelesen habe. Ich kann Ihnen dieses Buch zur Lektüre sehr ans Herz legen – mich hat es in meiner Einstellung bekräftigt, noch stärker auf prognosefreie Strategien und Modelle zu setzen. Der Autor des Buches beschäftigt sich mit äußerst unwahrscheinlichen Ereignissen, eben mit schwarzer Schwänen. Er behauptet, dass wir systematisch die schmerzhaften Folgen von Extremereignissen unterschätzen. Diese Auffassung teile ich voll. Talebs Analyse ist dabei ganz einfach und schlicht. Menschen – und vor allem Kapitalanleger und Investoren – denken in schlüssigen Geschichten, verknüpfen Fakten zu einem stimmigen Bild und nehmen vor allem die Vergangenheit als Modell für die Zukunft. So wird eine (Anlage-)Welt geschaffen, in der wir uns zurechtfinden. Aber die Wirklichkeit ist eben anders: chaotisch, überraschend, unberechenbar. Genau deswegen rate ich Ihnen eben nicht – zumindest nicht nur –, auf Prognosen zu hören und danach Anlageentscheidungen zu treffen. Diese Schwarze Schwan-Theorie veranschaulicht aus meiner Sicht bestens die schwerwiegende Beschränkung in unserem Lernen rein durch Beobachtung oder Erfahrung, ebenso die Zerbrechlichkeit unseres (historischen) Wissens. Gerade an der Börse und in der Wirtschaft werden ja Erfahrungen aus der Vergangenheit massiv für Zukunftsprognosen verwendet. Da die meisten Börsen- und Wirtschaftsexperten jedoch über ihren eigenen Tellerrand nicht hinausschauen, ist für viele nach wie vor klar, dass alle Schwäne weiß sind. Aber auch in Zukunft werden neue schwarze Schwäne kommen: Missmanagement, neue Finanzkrisen, Umweltkatastrophen, politische Umbrüche und Terroranschläge. Ein Schwarzer Schwan in der Wirtschaft, an der Börse oder natürlich in direktem Bezug auf Ihr Wertpapierdepot ist ein Ereignis, welches nicht nur sehr unwahrscheinlich ist, sondern vor allem mit enormen Folgen für Ihre finanzielle Situation und somit Ihr Leben verbunden ist. Im Nachhinein wird dieses Ereignis dann als vorhersagbar angesehen werden. Sehr gute Beispiele dafür sind allen voran der 11. September, die Pleite von Lehman Brothers, die BP Katastrophe im Golf von Mexiko, der Vulkanausbruch auf Island, oder auch die dramatischen Folgen und Auswirkungen der Finanzkrise in ihrer Gesamtheit. Regelbasierung, Prognosefreiheit, Marktneutralität, Strategie-Diversifikation – nur das zählt wirklich! Konkret bedeutet dies, den Fokus nicht auf einzelne Werte, sondern auf ganze Märkte zu richten. Und sich vor allem in Krisen und „Hypes“ (Trends) diszipliniert an die ursprüngliche Anlagestrategie zu halten – und zwar durch quantitative und regelbasierte Anlagestrategien. Dies macht es zwingend erforderlich, auf „Bauchentscheidungen“ und Marktprognosen (positive/negative Erwartungswerte) für den mehrheitlichen Grundbestandteil (> 50%) des Portfolios zu verzichten. Diese strategische Optimierung wird weder durch Emotionen der Kapitalanleger noch durch subjektive Entscheidungen eines Produkt-oder Vermögensmanagers beeinflusst. |